Das nüchterne Vielleicht

Nüchtern betrachtet ist, den Nüchternen zu betrachten, spannend. Wie er ohne jegliche Kenntnisnahme seiner Umwelt seine Wege bestreitet, sich mit seiner Freundin streitet oder sie lediglich zum Shoppen begleitet.
Doch hast du dich auch schon einmal gefragt, was für eine Geschichte hinter der Person steckt, die du nur für einige Sekunden – manchmal sogar nur für den Bruchteil einer einzigen – siehst und deine Schlüsse ziehst?

Oh,bei diesen dreckigen Schuhen hat er sicherlich nicht so viel Geld.– Ja, vielleicht das. Vielleicht ist er aber auch einfach heute morgen durch einen Regenschauer gelaufen, nach welchem sich der Dreck förmlich von seinen nassen Schuhen angezogen gefühlt hat.

Die hat ihr Kind aber nicht im Griff. -Vielleicht, ich rede hier von einem vagen vielleicht, ist heute morgen eine Kollegin krank geworden, die Frau musste deren Aufgaben übernehmen und dann musste die Tagesmutter auch noch früher das Kind zurückgeben, da es einen Notfall in der Familie gab – und deshalb ist die Mutter gestresst, ausgelaugt und kann nicht klar unterscheiden, ob sie ihrem Kind nun mit dieser halbherzigen Beantwortung der Frage einen Gefallen tut oder nur noch mehr Fragen aufwirft. Fragen über Fragen. Und was wäre, wenn es gar nicht ihr eigenes Kind ist sondern sie selbst die Tagesmutter? Schon einmal darüber nachgedacht? Und müsste die Frau dann nicht genug Expertise haben, um nicht so forsch mit dem Kind umzugehen? Doch was, wenn genau diese Tagesmutter die Frau ist, deren Kollegin krankgeworden ist – sofern es Kollegen bei Tagesmüttern gibt?

Das, was wir in einem Menschen sehen und die Schlüsse, die wie innerhalb eines Wimpernschlags ziehen, sind bei weitem nicht alles, was diesen Menschen ausmacht. Darum lade ich dich ein, zusammen mit mir und meiner Mutter einen Kaffee zu trinken – in einem kleinen Café in der Innenstadt mit einem guten Blick auf die Fußgängerzone. Und dann denken wir uns vielleicht, ich rede von einem vagen vielleicht, Geschichten zu den Vorübergehenden aus.

Und nüchtern betrachtet ist der torkelnde Betrunkene vielleicht gar nicht betrunken – sondern krank.

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