Stoßtherapie klingt lustiger, als es ist

Unheilbar.

Multiple Sklerose ist unheilbar.

Dieses Wort ging mir in den ersten Tagen laufend durch den Kopf. Unheilbar. Klingt letztendlich irgendwie schlimmer, als es ist. Ich meine, es wäre schlimmer, wenn das Wort ‚tödlich‘ heißen würde, oder? Natürlich ist es nicht einfach eine Erkältung, die diagnostiziert wurde, bei der man weiß, dass es bald wieder weg ist. Ganz nach Mamas Motto: ,,3 Tage kommt’s, 3 Tage steht’s, 3 Tage geht’s.“

So ging es mir die ersten Tage nach der Diagnose nicht nur körperlich, sondern auch psychisch nicht so gut. Man versucht zwar, Freunden, Familie und dem Freund zu zeigen, dass man gut damit umgehen kann aber ich konnte mir in dieser Zeit nicht vorstellen, dass es möglich sei, jemals wieder normal laufen oder sehen zu können.

Ich ging nicht mehr in die Uni. Wozu auch, wenn ich eh nichts sehen kann? Ich habe es zwar noch ein paar Male probiert, bin allerdings mehr meinen Kommilitoninnen auf die Nerven gegangen damit, dass ich laufend ihre Mitschriften zu mir ziehen musste, als dass es mir etwas gebracht hätte. Ich habe mich sehr schwach gefühlt, das Sehen wurde immer schlechter und ich konnte, wenn ich mich überhaupt vor die Tür traute, nur laufen, wenn ich mich an den Arm meines Freundes hängte.

Ungefähr zwei Wochen nach meinem ersten MRT vom Kopf (gar nicht mal so schlimm, wie man denkt, wenn man versucht, Lieder auf den Takt dieser lauten rhythmischen Geräusche zu singen. BUM BUM BUM BUM TSCHAKABUM TSCHAKABUM) ging gar nichts mehr und ich entschloss, ohne Termin, spontan zu meiner Neurologin zu gehen und zu fragen, wie es weiter geht. Wir schauten uns zusammen die CD vom MRT an. ,,Alles, was Sie da in weiß sehen, sind Entzündungherde. Leider ist es bei Ihnen schon sehr fortgeschritten, da es so lange nicht erkannt wurde. Wir können also auch noch so einmal bestätigen, dass es zu 99,9 % Multiple Sklerose ist.“ Na klasse. Also beginnt der Kampf jetzt wirklich, Swenni. Zieh dir deine roten Boxhandschuhe an und los geht’s. 

An diesem Tag begannen wir noch mit der sogenannten Stoßtherapie. Das heißt, dass man 3 Tage am Stück eine Infusion mit Kortison bekommt (oder wie ich es gern ausversehen nannte: Kerosin). Mir ging es nach den Infusionen nicht sonderlich gut aber schon nach dem ersten Tag bemerkte mein Freund, dass ich besser laufe. Leider schlugen die Infusionen sehr auf meinen Magen, womit ich ab dem zweiten Tag noch jeweils eine Spritze in den Bauch bekam und magensaftresistente Tabletten nehmen musste. Es ging mir von Tag zu Tag besser. Ich war zwar nicht sonderlich aktiv, doch ich merkte, wie meine Augen besser wurden und ich meinen Laptop nicht mehr auf Zoom 350 % stellen musste, um überhaupt etwas zu sehen.

Und langsam machte sich Hoffnung breit, dass ich vielleicht doch irgendwann wieder normal leben kann.

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